Demografie

Demografische Entwicklung und Arbeitsmarkt

Über Antworten auf die Herausforderungen des demografischen Wandels diskutierten die Wirtschaftspolitiker der SPD-Bundestagsfraktion mit Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, dort zuständig für die Arbeitslosenversicherung. Wie kann vor dem Hintergrund des stetigen Rückgangs der Bevölkerungszahlen die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft sichergestellt werden?

Wird der demografischen Entwicklung nicht entgegengewirkt, sinkt nach Untersuchungen der Arbeitsagentur das Arbeitskräftepotential bis 2025 von derzeit 44,6 Millionen auf 38,1 Millionen Erwerbstätige – der deutschen Wirtschaft werden also 6,5 Millionen Arbeitnehmer fehlen.

Damit ist zunächst noch keine Aussage über den Fachkräftemangel getroffen. Derzeit sind 4 Millionen Erwerbstätige in der Bundesrepublik Deutschland ohne Berufsabschluss. Angesichts komplexer werdender Prozesse in der Wirtschaft wird es für ungelernte Kräfte in der Wirtschaft zunehmend schwieriger, Beschäftigung zu finden, weil oft die nachgefragte Qualifikation nicht zum Angebot an Arbeitskräften passt. In den neuen Bundesländern ist dies schon seit einigen Jahren zu beobachten, wo in einigen Regionen einem nicht zu befriedigenden Fachkräftebedarf ein hoher Anteil von Arbeitslosen gegenüber steht.

Schon jetzt werden Gegenstrategien entworfen und zum Teil schon durchgeführt. Der Bundestag befasst sich derzeit mit der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Es gibt Angebote sogenannter modularer Ausbildung, bei denen im Rahmen der Tätigkeit Stück für Stück Teilqualifikationen erworben werden, die am Ende in einen Berufsabschluss münden können. Darüber hinaus werden bestimmte Fachkräfte über die Auslandshandelskammern gesucht. Untersuchungen zeigen, dass qualifizierte Ausländer keine Verdrängungsprozesse einheimischer Arbeitnehmer auslösen. Allerdings ist klar, dass der verstärkte Zuzug aus dem Ausland politisch begleitet werden muss, damit es von konservativer Seite nicht mehr solche Kampagnen wie "Kinder statt Inder" gibt, die vor einigen Jahren in Nordrhein-Westfalen gefahren wurde.

Aber auch auf dem einheimischen Markt sind nach der Analyse der Bundesagentur Potentiale vorhanden. Da gibt es zunächst den Bereich der Schulabgänger ohne Abschluss. Könnte man nur die Hälfte nachqualifizieren, wäre dies ein Arbeitskräftepotential von 300.000 Menschen. Auch die Zahl der Studienabbrecher ist zu reduzieren, hier liegt das Potential zwischen 100.000 und 600.000. Allein bei den Ingenieurstudiengängen beträgt die Abbrecherquote 35%. Das größte Potential aber liegt bei den Arbeitskräften über 55 (bis zu 1,2 Millionen) und den Teilzeitbeschäftigten – oft Frauen – mit weiteren 1,2 Millionen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen.

Insgesamt hat die Bundesagentur zehn Handlungsfelder identifiziert, auf denen Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel ergriffen werden sollen. Eines ist die Qualifizierungsberatung bei kleinen und mittelständischen Firmen, die oft das Knowhow und die notwendige Kapazität im eigenen Unternehmen nicht haben. Hier bei Organisation, Personalplanung und Weiterbildung zu helfen, ist Aufgabe staatlicher Wirtschaftspolitik und bildet für Kammern, aber auch private Beratungsfirmen und Verbände ein interessantes Betätigungsfeld.